Issue 1/2021  -  ISSN 1470-9570

Call für Papers: virtueller DaF-Unterricht Heft 1/2022

Sondernummer zum Thema: Zum „Prinzip Erinnerung“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – Ausgewählte Textanalysen.
Herausgegeben von Carsten Gansel, Anna Heidrich (Gießen) und Mariya Kulkova (Kasan)

ARTICLES

Einleitung zum Themenschwerpunkt

Carsten Gansel and Anna Heidrich, Gießen, and Mariya Kulkova, Kasan (pages 1-7)

Einleitung by Carsten Gansel & Anna Heidrich & Mariya Kulkovaview pdf (577kb)

Alles nur erzählt: Das erinnerte Mecklenburg in Peter Wawerzineks Das Kind das ich war (1994)

Olga Bazileviča, Dresden(pages 8-23)

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Der erwachsene Erzähler Peter Wawerzinkes Roman Das Kind das ich war (1994) wirft einen liebevollen und ironischen Blick zurück auf seine Kindheit in Mecklenburg. Im vorliegenden Beitrag wird die Art und Weise, wie dieser Rückblick gestaltet ist, untersucht und gezeigt, wie in einem kurzen Text eine facettenreiche Darstellung von Kindheit entworfen wird, die zugleich märchenhafte Züge hat und stark an einen Ort und an eine konkrete Zeit gebunden ist.

Adoleszenz in der DDR erinnern – André Kubiczeks Romane Skizze eines Sommers (2016) und Straße der Jugend (2020)?

José Fernández Pérez, Gießen (pages 24-42)

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André Kubiczek hat sich bereits in seinem Debütroman Junge Talente (2002) mit der literarischen Darstellung von Adoleszenz befasst. Der Adoleszenzroman André Kubiczek hat sich bereits in seinem Debütroman Junge Talente (2002) mit derliterarischen Darstellung von Adoleszenz befasst. Der Adoleszenzroman Skizze eines Sommers (2016) wurde von der Kritik ausgesprochen positiv aufgenommen und erreichte eine Platzierung auf der Shortlist zum deutschen Bücherpreis. Im Jahr 2020 erschien der Fortsetzungsroman Straße der Jugend (2020). In beiden Texten geht es um die Erinnerung an die Adoleszenz in der DDR. Diesen Aspekt aufgreifend wird nachfolgend herausgearbeitet, auf welche Weise Kubiczeks Romane die ,wirkliche‘ bzw. außerliterarische Erfahrung der Adoleszenz verhandeln und inwiefern sie als eine Art Gegengedächtnis einen Beitrag zur Erweiterung des hegemonialen kollektiven Gedächtnisses leisten. Beide Texte verzeichnen unterschiedliche subkulturelle Tendenzen und spezifische Rituale des jugendkulturellen Lebens in den 1980er Jahren und erfüllen eine Archivierungsfunktion, die für die Pflege des kulturellen Gedächtnisses relevant ist.

„[F]ür die Ewigkeit fixiert, festgehalten bis zum Tod"? Zu einem scheinbaren Wandel im Geschichts- und Erinnerungsverständnis von Christoph Hein im Roman Trutz (2017)

Richard Slipp, Calgary/Dessau (pages 43-67)

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Christoph Heins 2017 erschienener Roman Trutz handelt vom tragischen Schicksal zweier Familien unter den extremen politischen Verhältnissen des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland und der Sowjetunion. Während auch in diesem Roman die anhaltende Beschäftigung Heins mit den Themen Erinnerung und Geschichte als zentrales Anliegen anzutreffen ist, scheint sich eine grundsätzlich neue Auffassung desAutors von den Funktionen und Möglichkeiten menschlichen Erinnerns abzuzeichnen. Im Beitrag wird argumentiert, dass im Text das scheinbare Postulat eines lückenlosen und uneingeschränkt zuverlässigen Gedächtnisses immer wieder durch die Thematisierung der Fiktionalität und Konstruiertheit der erzählten Erinnerungen narrativ unterminiert wird.

Von der Erfahrung zur Erinnerung – Wenderomane im Wandel

Janine Ludwig, Bremen/Berlin, (pages 68-86)

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Bernd Schirmer hat im Laufe eines Vierteljahrhunderts mehrere Wenderomane verfasst: In den 1980er-Jahren schrieb er Cahlenberg (1994), 1992 in kurzer Zeit Schlehweins Giraffe, in den 2000er-Jahren Der letzte Sommer der Indianer (2005) und dann zehn Jahre lang an dem vorerst letzten: Silberblick (2017). Im Vergleich dieser Werke lässt sich herausarbeiten, wie sich mit dem Vergehen von Zeit der erzählerische Blick bzw. der Fokus auf die Ereignisse ändert, und zwar inhaltlich, bezogen auf die umfasste Zeitspanne der erzählten Zeit, wie auch formal-ästhetisch, also im Einsatz von Erzähltechniken und Erzählerposition. Während der erste Roman, Cahlenberg, direkt aus der Zeit heraus die Ahnung anbrechender Veränderungen in der DDR atmet, erzählt der zweite von den Umbruchserfahrungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung, mit eingeschobenen Rückblicken auf die Zeit davor. Der dritte beschreibt einen multi-perspektivischen Liebes- und Bruderkampf zwischen Ost und West im gerade wiedervereinigten Land und endet mit einem Epilog, der diese Zwistigkeiten in das Reich alter Legenden verweist. Der vierte spielt wieder größtenteils in der DDR und beschwört die Erinnerung an eine tote Jugendliebe herauf. Man kann quasi beobachten, wie historische Erfahrung zu Erinnerung gerinnt.

Erinnerungsboom, unzuverlässiges Erinnern und „Tricks der Erinnerung" in Jan Koneffkes „Ein Sonntagskind" (2015)

Carsten Gansel, Gießen, and Monika Hernik, Potsdam (pages 87-106)

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Der Beitrag geht der Frage nach der Inszenierung von Erinnerung in dem 2015 erschienenen Roman Ein Sonntagskind von Jan Koneffke nach. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte, die autobiographisch motiviert ist, stehen nachfolgend Besonderheiten der Textstruktur im Zentrum. Dabei werden vor allem die erzählerische Vermittlung, das Verhältnis der Erzählebenen sowie die Innenweltdarstellung diskutiert. Da der Roman eine Kriegs- und Nachkriegsgeschichte erzählt, die bis in die Gegenwart reicht, spielen die Versuche des Protagonisten eine zentrale Rolle, die erfahrenen Traumata zu verdrängen. Zudem wird herausgearbeitet, in welcher Weise „Tricks der Erinnerung“ (Johnson 1975: 63) helfen sollen, die eigene Identität zu stärken.

Auch eine Schöpfungshieroglyphe. Zur Reparatur verstörender Erfahrungen in Marica Bodrožićs Kirschholz und alte Gefühle (2012)

Christian Sinn, St. Gallen (pages 107-122)

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Ausgehend vom philosophischen Kontext einer mit dem Neuplatonismus beginnenden und bis in die Postmoderne reichenden wesentlichen Form kultureller memoria (1) weist der Beitrag am Beispiel von Marica Bodrožićs Kirschholz und alte Gefühle die Reparatur zerstörter Erinnerung durch das neuplatonische Modell textanalytisch konkret als Abfolge von sieben Kapiteln nach, deren Relationen untereinander den Text unter dem Aspekt des plots als Memorialbild konstituieren (2) und im humoristischen Kontrast zur narrativen Sukzession der story stehen, innerhalb derer nicht zuletzt die grammatischen Grundlagender Erinnerung reflektiert werden (3)..

Zum Erinnern von verstörenden Kindheitserfahrungen in Linda Boströms Knausgårds Willkommen in Amerika (2017)

Anna Heidrich, Gießen (pages 123-137)

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2017 ist der Roman Willkommen in Amerika der schwedischen Autorin Linda Boström Knausgård auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Es ist die Geschichte der elfjährigen Ich-Erzählerin Ellen, die sich nach dem Tod ihres depressiven und gewalttätigen Vaters in Schweigen und soziale Isolation zurückzieht. Dass die erzählerische Gegenwart als Stillstand inszeniert ist, richtet den Blick umso stärker auf die Innenwelt der Erzählerin, mithin auf schmerzhafte und angsteinflößende Erinnerungen an den Vater, die in Gestalt von Flashbacks noch ihre Gegenwart überlagern. Vergangenheit und Gegenwart Ellens werden in variierender Intensität synchronisiert, wodurch ihre seelische Verstörung Ausdruck findet. Das Mädchen zeichnet sich für den Tod des Vaters verantwortlich, der zu einem nicht abzuschüttelnden Begleiter ihrer voranschreitenden Gegenwart avanciert, bis der Suizid für Ellen zur greifbaren Option wird. Erst mit dem Eintritt in die Phase der Adoleszenz brechen ihre Fixierung auf die Vergangenheit und ihre mentale Erstarrung auf. So lässt sich das Erinnern von verstörenden Kindheitserfahrungen auf der Handlungs- ebenso wie auf der Darstellungsebene als konstitutives Strukturelement des Romans bestimmen.

Zur Funktion von Gedächtnis und Erinnerung in Gusel Jachinas Wolgakinder (2019)

Carsten Gansel, Gießen and Mariya Kulkova, Kasan (pages 138-165)

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Gusel Jachinas zweiter Roman öffnet den Blick auf ein Kapitel der deutschen Geschichte, das bis in die Gegenwart am Rande des kollektiven Gedächtnisses steht. So geht der Beitrag am Beispiel der Figur des Dorfschullehrers Jakob Bach dem Schicksal der Russlanddeutschen nach. Die erzählte Zeit reicht von etwa 1916 bis 1938. Ein Schwerpunkt der Darstellung liegt nachfolgend auf der Frage, in welcher Weise im Erzählvorgang Fragen des kulturellen Gedächtnisses eine Rolle spielen und wie die Hauptfigur mit den für sie traumatisierenden Ereignissen umgeht.

„Das menschliche Gedächtnis ist eben auch selektiv" – Carsten Gansel und Irina Liebmann im Gespräch (2020)

Carsten Gansel, Gießen and Irina Liebmann, Berlin (pages 166-190)

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Irina Liebmann gehört zu den renommierten deutschen Autorinnen, die für ihre Texte mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, darunter mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (2008) und dem Uwe-Johnson-Preis (2020). In ihren Theaterstücken, Erzählungen und Romanen spielen Fragen der Erinnerung eine gewichtige Rolle. In dem Gespräch geht es u. a. um Aspekte der Poetologie, die Rolle von Literatur vor und nach 1989 wie auch um zentrale Koordinaten von Gedächtnis und Erinnerung.

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